WR 3816/17

Aus der ehemaligen «Bernina-Bahn-Idee» geht der neue «Doppel-Speisewagen» hervor:

Warum, überlegte man sich, soll man nicht die ldee der «Bernina-Bahn››, welche die beiden nun zu ersetzenden Wagen (damals noch ohne eigene Küche) zusammen mit einem Küchenwagen verkehren liess und so 72 Restaurantplätze anbieten konnte, nicht wieder aufnehmen? Allerdings, der Bau eines zweiachsigen Küchenwagens kam kaum mehr in Frage, ebensowenig der Service aus einem solchen Wagen über mehrere
schmale Wagenübergänge. Aber: die Idee des Doppel-Speisewagens mit einer
Küche (und einer Küchenmannschaft) war geboren. Wie sollte dieser «Doppel-Speisewagen» nun aussehen? Obschon die «Nostalgie-Speisewagen›› sehr beliebt und sehr gefragt sind, war man der Meinung, ein moderner, ganz neuer Speisewagen sollte nicht eine Stilepoche vortäuschen, aus der er eindeutig nicht stammt. Man wollte keine «Nostalgie-Attrappe›› bauen. Auch eine moderne Innenausstattung kann sehr ansprechend sein, insbesondere wenn ein guter Designer mithilft, Farben, Formen und Materialien aufeinander abzustimmen. Beim 1984 in Betrieb genommenen neuen (Glacier-)Speisewagen WR 3815 war das Ergebnis dieser Bemühungen ein sehr erfreuliches. Das dort unter Verwendung von Kirschbaumholz geschaffene Interieur und Mobiliar im Restaurant fand sehr weitgehend Anklang. Man kam jedenfalls zum Schluss, dass der neue «Doppel-Speisewagen›› im Prinzip eine «grössere Version›› der RhB-WR 3815 sein solle. Nun stellte man an diesen «Doppel-WR» allerdings noch einige besondere Anforderungen:

– Von einer Küche (RhB-normale Ausführung) sollen mindestens 60 Restau-
rantplätze bedient werden können.

– Der Übergang von einer Wagenhälfte zur andern muss bequem, breit und
gegen Lärm- und Zuglufteintrltt abgeschirmt sein.
– Der Wagen soll Garderoben-Nischen und ein WC aufweisen, so dass er auch
als autonomer Gesellschaftswagen angeboten werden kann.
– Die Stromversorgung des Wagens soll sowohl vom Triebfahrzeug oder von einer, stationären Zugvorheizanlage aus via Heizleitung wie auch über einen eigenen Stromabnehmer möglich sein. Auf einen Einsatz des Wagens auf den
RhB-Gleichstromstrecken (Bernina und Chur-Arosa) wird verzichtet.
– Möglichst grosse Panorama-Fenster sollen das Reiseerlebnis «Speisen
beim Reisen» unterstützen.

Kurzbeschreibung des RhB-Doppel-Speisewagens WR 3816/17:

Abmessungen und Einteilung sind aus der Typenskizze ersichtlich. Die Küche
ist analog den anderen RhB-Speisewagen am Wagenende der einen Wagen-
hälfte plaziert. Sie entspricht bezüglich Ausstattung, Anordnung der Apparate
und Geräte und bezüglich Arbeitsbereichen (sehr wichtig bei den notgedrungenen engen Platzverhältnissen) der nunmehr «RhB-normalen» Küchen/Office-Disposition. Die Küche ist aber etwas länger und hat grössere Stau- und Kühlräume. Im „Küchenwagen“ sind noch 24 Restaurantplätze sowie ein Dienstabteil vorhanden.

Im „Saalwagen“ befinden sich ein Office mit eigenem Kühlschrank und eigenen Warmhalteeinrichtungen, 36 Nichtraucher-Restaurantplätze sowie das WC. Die Wagenkasten sind in Aluminium-Bauart erstellt. Sie sind eine Weiterentwicklung des bei den „RhB-Spitzenverkehrswagen“ erstmals angewandten „Alusuisse-Autobus-Baukastensystems M 5438“. Im Gegensatz zum System M 5438 besitzen diese Wagen jedoch verstärkte alu-Untergurt- und Dachprofile, wodurch die Wagenkasten selbsttragend werden und kein Stahlchassis benötigen. Diese Bauart ist ein Kompromiss zwischen kostengünstiger Fabrikation und gewichtssparender Konstruktion.

Der Innenausbau entspricht demjenigen des RhB-Speisewagens 3815.

Die beiden Wagenhälften sind kurzgekuppelt und mit einem relativ breiten Spezialübergang (Zugluft und Geräusch abschirmend, elektromotorisch betätigte Türen) verbunden. Für Werkstatt-Einweisungen können die Wagenhäften rasch getrennt werden.

Kühlanlagen und Wasserversorgung befinden sich vorwiegend im „Küchenwagen“, die elektrische Ausrüstung (ink. Stromabnehmer, Transformator und Umformergruppe) im „Saalwagen“. Die WC-Anlage hat eine eigene frostsichere Wasserversorgung („RhB-normal“ mit Gummitank).

Die seit 1969 in den alten Speisewagen WR 3813 und 3814 eingebauten FFA-Prototyp-Drehgestelle (pro Paar ein Drehgestell mit Zahnradbremse FO/BVZ) werden nach grundlegendem Umbau der Federung und Dämpfung im Doppel-Speisewagen weiterverwendet. Insbesondere die Zahnradbremse dieser Drehgestelle hat sich ausserordentlich gut bewährt.

Aus Bündner Zeitung 04.12.1987:

Neben dem Einsatz von drei nostalgischen Pullman-Speisewagen aus den zwanziger Jahren kann nun die Rhätische Bahn mit einem weiteren Aushängeschild aufwarten: sie verfügt jetzt über den längsten Speisewagen der Welt. Das in Zusammenarbeit zwischen den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein und der RhB-Hauptwerkstätte in Landquart entstandene Fahrzeug weist eine Länge von 34 Metern auf, bietet 60 Personen bequem Platz und besticht nicht zuletzt auch durch sein gemütlich-gediegenes Interieur. Das jüngste Schmuckstück der RhB wird ab 20. Dezember auf der Strecke Chur-St.Moritz eingesetzt sowie für „Zvieri-Fahrten“ auf der Strecke St.Moritz-Scuol. Gedacht ist aber auch an eine Verwendung als „Gesellschaftswagen“ für Bankette. Für die jeweils frisch zubereiteten Speisen ist die Schweizerische-Speisewagen-Gesellschaft (SSG) besorgt, wobei man sich ein Menu selbst zusammenstellen oder ergänzen kann.

Der Devise „Speisen beim Reisen“ wird bei der RhB seit Jahrzehnten besondere Beachtung geschenkt, standen doch schon 1928 Speisewagen auf ihrem Netz im Einsatz. Man unternimmt grosse Anstrengungen, um die Tradition gepflegter Gastlichkeit weiterzuführen, „und mit diesem neuen Speisewagen möchten wir auch zeigen, was man bei der RhB unter Qualität versteht“, meinte anlässlich einer Sonderfahrt für Medienvertreter RhB-Direktor Jörg Hatz.

Das aus zwei kurzgekuppelten Wagen bestehende Fahrzeug, dessen Herstellungskosten sich auf rund zwei Millionen Franken beziffern, ist mit modernster Infrastruktur ausgerüstet und bietet im „Küchenwagen“, in dem auch geraucht werden darf, Platz für 24 Personen, im Nichtraucher vorgesehenen „Saalwagen“, können sich 36 Fahrgäste kulinarischen Genüssen hingeben. Der neue Speisewagen verkehrt bei Bedarf und hauptsächlich an Wochenenden in den Zügen Chur ab 11.43 Uhr, St.Moritz ab 13.47 Uhr, sowie in umgekehrter Richtung mit Abfahrt in St.Moritz um 18.03 und Ankunft in Chur um 20.08. Es ist auf diesen Fahrten ganz bewusst nur ein Service vorgesehen, damit die Fahrgäste Zeit genug haben, um ihr Essen richtig zu geniessen.

„Wir möchten mit dem Einsatz des neuen Speisewagens dazu beitragen, dass für einen Feriengast das Urlaubserlebnis bereits in Chur beginnt“, erklärt Willi Hochstrasser von der RhB, „und ganz allgemein das Bahnfahren schmackhafter machen“, getreu dem Motto: „Reisen mit der Rhätischen Bahn soll mehr sein als nur eine Ortsveränderung“.

Aus Bündner Tagblatt 04.12.1987:

Die Rhätische Bahn wartet zum Auftakt der Wintersaison mit einer besonderen Attraktion auf: Ab 20. Dezember verkehrt der längste Speisewagen der Schweiz auf dem RhB-Streckennetz zwischen Chur-St.Moritz-Chur jeweils an Samstagen und Sonntagen.

Dieser neue Doppelspeisewagen mit 60 Sitzplätzen ist mit dem stilvollen und gemütlichen interieur gerade zu prädestiniert, auf einer „der schönsten Bahnstrecken Europas“ eingesetzt zu werden, wie es RhB-Direktor Jörg Hatz anlässlich der Jungfernfahrt vom Donnerstag formulierte. Nach Ansicht der RhB-Verantwortlichen soll die Tradition gepflegter Gastlichkeit auch im Speisewagen weiterleben. Unter dem Motto „Speisen beim Reisen“ kann sich nun der Gast von der „cuisine du marché“ verwöhnen lassen. Die neu gestaltete Speisekarte enthält eine Auswahl von feinen, kleinen und grossen Gerichten, vier verschiedene Menues, wie auch Tagesspezialitäten. Ein eindrucksvolles Erlebnis ist es aber auch, im grössten fahrenden Restaurant der Schweiz die zauberhafte Winterlandschaft an sich vorbeiziehen zu lassen.

Die von der Rhätischen Bahn seit 1949 eingesetzten Speisewagen werden von der Schweizerischen Speisewagengesellschaft (SSG) bewirtschaftet. Der neue Doppelspeisewagen ist übrigens ein Gemeinschaftsprojekt der Flug- und Fahrzeugwerke und der RhB-eigenen Werkstätte in Landquart. Für besondere Anlässe kann der Speisewagen als autonomer Gesellschaftswagen oder zusammen mit dem Salonwagen auf dem RhB-Stammnetz, auf den Strecken der Furka-Oberalp-Bahn oder auf der Brig-Visp-Zermatt-Bahn eingesetzt werden. Im kommenden Sommer will die RhB ihre Gäste auf der Glacier-Express-Route im längsten Speisewagen der Schweiz verwöhnen.

Werkfotos

Fahrzeugfotos

Typenskizzen, Zeichnungen, Schemata

(Quellen: Archiv RhB, Archiv F. Skvor, Zeitungsartikel)