Stahlwagen zu Leichtmetallwagen

Die Eisenbahn wird von den Konkurrenten in der Luft und auf der Strasse scharf in die Zange genommen. Sie muss, will sie nicht untergehen, sich den neuen Gegebenheiten anpassen und viele Fesseln, angelegt und gewachsen in Zeiten, als der Schienenverkehr eine Monopolstellung inne hatte, abwerfen. Es gilt, unwirtschaftliche Situationen organisatorisch oder mit technischen Hilfsmitteln zu sanieren, einträgliche Geschäfte auszubauen und hin und wieder mit Neuheiten aufzuwarten. Liebgewonnene Gewohnheiten, Betriebsblindheit und Resignation dürfen dem Fortschritt nicht im Wege stehen.

An die heutigen Anforderungen anpassen heisst: Sicherer fahren – wirtschaftlicher fahren – schneller fahren – pünktlicher fahren – zeitgemässer Komfort bieten.

(Foto: Heinz Räss)

Die Fahrbahn besteht, sie kann nicht so einfach verändert werden, obschon dies manchmal wünschenswert wäre. Besser und schneller an neue Situationen anpassen kann man den Betrieb und die Betriebsmittel.

Betriebsmittel im eigentlichen Sinne stellen die Fahrzeuge dar. Dank der relativ guten Geschäftsergebnisse, dank aber auch den Mitteln, konnte der Fahrzeugpark der RhB in den letzten Jahren ganz erneuert werden. Es sei daran erinnert, dass in den Jahren 1956 – 1966 20 Triebfahrzeuge, 103 Personenwagen und 282 Güterwagen neu in Betrieb kamen; die Klein- und Spezialfahrzeuge nicht einmal eingerechnet. Das ist wesentlich mehr, als die RhB samt BB, ChA und BM 1916 – 1955 auf die Schienen brachte!

Die Personenwagen sind die repräsentativsten Betriebsmittel einer Bahn, sie sind gewissermassen die Visitenkarte des Unternehmens. Mit der Inbetriebnahme von 70 Einheitswagen in Stahlkonstruktion auf dem Stammnetz ist hier eine durchgreifende Modernisierung eingetreten. Bekanntlich folgten mit Lieferbeginn Ende 1967 weitere Wagen der Einheitsbauart, wenn auch etwas modifiziert, den betreffenden Linien angepasst, in Leichtmetall (Aluminium)-Konstruktion. Diese sehr leichten, aber leider auch teuren Wagen wurden für die steigungsreichen Gleichstromstrecken bestimmt.

Die Aluminium-Fahrzeuge stellen einstweilen das Endglied der Entwicklung im Personenwagenbau dar. Diese Entwicklung ist bei der RhB etwa so verlaufen:

Bis ca. 1928:

Wagenuntergestelle und Drehgestelle aus Profilstahl als Nietkonstruktion gebaut, Kastenaufbau aus Holz (nicht mittragend). Diese hölzernen Wagenkasten waren bei grösseren Unfällen oft für schwere Verletzungen verantwortlich (wenig Festigkeit, Splitterwirkung).

1929-1938:

Schwere Ganzstahlwagen in Nietbauweise. Das Wagenuntergestell ist hier nach wie vor das tragende Element. Diese Epoche ist gekennzeichnet durch die Auffassung, ein guter Wagenlauf sei nur mit einem sehr schweren Wagen zu erreichen.

1938-1967:

Vollständig geschweisste Leichtstahlkonstruktion. Untergestell und Wagenkasten bilden ein gemeinsam tragendes Rohr. Die Impulse zu dieser Bauart kamen 1938 aus dem Flugzeugbau. Die zuerst extreme Leichtbauweise (Beispiel: „roter Wagen“ vor dem Umbau) wurde später wieder auf ein vernünftiges Mass korrigiert.

Ab 1967:

Wagenkasten aus Leichtmetall (Aluminium) in Schweisskonstruktion. Gewichtsersparnis gegenüber Leichtstahlbauart 3.5 – 4.0 t pro Wagen, Mehrkosten ca. 18%.

Einstweilen sind Stahl- und Leichtmetallwagen, jeder an seinem Platze, gleichwertige Fahrzeuge. Die Meinung, der Stahlwagen in Leichtbauweise sei überholt, ist nicht richtig. Der Leichtmetallwagen ist aber durch die metallurgischen und schweisstechnischen Fortschritte der letzten Jahre in einem grösseren Bereich wirtschaftlicher geworden. Der Mehrpreis gegenüber Stahl ist eher im Abnehmen begriffen.

Die RhB baut, sei es nun Leichtbau in Stahl oder in Aluminium, in erster Linie robust. Die Einheitswagen sind keine Paradestücke der Ultraleichtbauweise. Sie halten aber, wie Druckproben bestätigt haben, 60 t Pufferdruck ohne Deformation aus und überstehen auch eine Entgleisung ohne grossen Schaden zu nehmen. Dass Leichtbau auch unwirtschaftlich sein kann, zeigen die sogenannten roten Wagen (A 1251/52, B 2301 ff), Baujahr 1938/39, die schon beim kleinsten Aufprall kostspielige Reparaturen auslösten und heute mit grossem Aufwand verstärkt wurden.

Ob in naher Zukunft auch armierte Kunststoffe für die Herstellung ganzer Wagenkasten Verwendung finden werden, ist sehr fraglich. Die Fabrikation solcher Gebilde ist bei kleine Stückzahlen sehr teuer. Hingegen werden Kunststoffe in immer weiterem Masse für Zwischenwände, Böden, Auskleidungen usw. benützt.

Fahrkomfort: Hierzu gehören: Laufeigenschaften, Ausstattung, Platzverhältnisse, Heizung, Beleuchtung, Reinigung und Bedienung. Jawohl auch Bedienung, d.h. Kundendienst und Reinigung gehören dazu. Den Technikern ist die Aufgabe gestellt, für den Komfort im engeren Sinne des Wortes zu sorgen.

Die Laufeigenschaften von Schienenfahrzeugen sind mathematisch und physikalisch eine sehr komplexe Angelegenheit. Will man bei leichten Fahrzeugen und höheren Fahrgeschwindigkeiten auch bei nur mässig gutem Gleiszustand in Bezug auf Laufruhe ein Optimum erzielen, muss man die Zusammenhänge kennen. Man kann die Güte der Laufeigenschaften nicht mehr nur dem Zufall und dem konstruktiven Gefühl überlassen. Eine möglichst genaue Berechnung des Schwindungsverhaltens der Wagenkasten, der Drehgestelle und der Federelemente ist erforderlich. Ebenso müssen experimentell oder rechnerisch die vom Geleise (Schienenstösse, Riffeln, Deformationen) und dem Fahrwerk (unrunde Räder, Sinnslauf) herrührende Störfrequenzen ermittelt werden. Es muss beachtet werden, dass diese Störfrequenzen nicht mit den Eigenfrequenzen von Fahrzeugteilen oder der Federung zusammenfallen, oder aber, dass solche Resonanzzonen bei kleinen Fahrgeschwindigkeiten durchfahren werden. Der Wagen soll also normalerweise über der kritischen Resonanzgeschwindigkeit, kurz „überkritisch“ laufen. „Überkritische“ Laufwerke erfordern eine weiche Federung, eine weiche Federung wieder macht eine geeignete Dämpfung (z.B. Öldämpfer) notwendig und schliesslich ist die Weichheit der Federung durch die maximal zulässige Puffereinsenkung begrenzt. Alles in allem ist die Sache gar nicht so einfach, wie man gemeinhin anzunehmen pflegt.

Die Innenausstattung soll modern, ansprechend, aber auch robust und leicht zu reinigen sein. Vieles, was in einer Wohnung schön und angebracht wäre, eignet sich für die harte, oft rücksichtlose Behandlung in öffentlichen Fahrzeugen nicht.

(Hinweis: zeitgenössische Quelle von 1967)

(Quelle: Rhätische Bahn AG, Archiv RhB, RhB-Nachrichten Juli 1967)