Speisewagenbetrieb

Zu Zeiten der „Goldenen Zwanziger“ erlebten die Luxuszüge in Europa eine neue Blüte. Die Rhätische Bahn setzte in diesem Zuge ihre speziell zu diesem Zweck gebauten A4ü 51-53 von 1913 ein. Der Erfolg der Luxuszüge führte Ende der zwanziger Jahre auch auf den Meterspurbahnen zur Einführung von Salonzügen; in der Folge entstanden der Glacier-Express, Golden Mountain Pullman Express und Salonzüge auf der Berninabahn. Dazu beschaffte die Rhätische Bahn entsprechende Salonwagen (As4ü 61 und 54).

(Foto: MFO)

Die deutsche MITROPA wurde 1916 mittem im Krieg gegründet und stand in Konkurrenz zur CIWL. Erste Speisewagen der MITROPA konnten aber erst 1921 bis in die Schweiz verkehren. So wurde 1928 beispielsweise der Rheingold-Express von Hoek van Holland nach Basel eingeführt.

Im Engadin heisst es heute noch: «Gehen wir in die MITROPA», gemeint ist damit, in den Speisewagen. Woher kommt dieser Ausdruck? Hinter dem Namen MITROPA verbirgt sich die «Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagengesellschaft m.b.H.»
«Der Krieg ist der Vater aller Dinge», so lautet ein zwar trauriges, aber deshalb nicht weniger wahres Wort! So unsinnig der Krieg auch ist, er brachte viele Neuerungen für die Eisenbahnen. Als 1914 der Krieg ausbrach, kam die Absicht des früheren preussischen Arbeitsministers, die Internationale Schlafwagengesellschaft (ISG) aus dem deutschen Bereich zu verdrängen, erst recht zum Durchbruch. Es entstand die oben erwähnte MITROPA.
Aber was hat diese MITROPA überhaupt mit dem Engadin und den Engadinern zu tun, die offensichtlich heute noch die RhB-Speisewagen nicht etwa Gourmino, sondern eben MITROPA nennen.
Die Schweizerische Speisewagengesellschaft (SSG) ersuchte die RhB bereits 1908 um Aufnahme eines Speisewagenbetriebes auf ihrem Netz. Diese lehnte jedoch mit der Begründung ab, die Traktionsleistungen der Dampflokomotiven auf den Bergstrecken wären schon ohne Speisewagen überlastet. Nach der 1921 erfolgten Elektrifizierung bemühte sich dann die RhB um einen Speisewagenbetrieb und seit 1926 setzte sie die Bemühungen intensiv fort. Veranlassung hierzu gaben namentlich der Anschluss nach Westen via Oberalp – Furka mit dem langen Parcours und dann aus den grossen Zentren im Norden ins Ober- und Unterengadin. Eine Anfrage bei der SSG 1921 lehnte diese zunächst ab. Spätere Verträge mit der SSG scheiterten z.T. an der Forderung der RhB, dass Speisewagen, welche die SSG selbst
anschaffen sollte, auch auf dem Netz der FO, VZ, ChA und BB übergangsfähig sein sollten. Plötzlich interessierten sich auch die Internationale Schlaf- und Speisewagengesellschaft ISG bzw. CIWL und eben die MITROPA für einen Speisewagenbetrieb auf dem Netz der RhB. Die Offerten der beiden letztgenannten Unternehmen waren praktisch gleichwertig. Der Entscheid für die MITROPA mit Sitz in Berlin erfolgte ausschliesslich darum, weil ein grosser Teil der Bündner Gäste aus Deutschland stammten und der Engländer weniger nationalistisch eingestellt war und mehr auf Komfort und Leistung schaute.
Der Vertrag mit der MITROPA beinhaltete die Anschaffung der Speisewagen nach RhB-Normalien durch die Gesellschaft. Erstmals in Europa hatten diese Speisewagen elektrische Küchen. Einen ähnlichen Vertrag schloss die MITROPA auch mit der Berninabahn ab. Nach diesem Vertrag musste
das Bedienungspersonal Schweizer Nationalität und der deutschen, französischen, englischen und italienischen Sprache mächtig sein. Revisionen und Unterhalt der Wagen gingen zu Lasten der MITROPA, während die RhB den Kleinunterhalt, wie Schmieren und Bremsklotzwechsel übernahm.
Die MITROPA liess für den Einsatz auf den Strecken der Rhätischen Bahn in den Jahren 1929/30 drei Speisewagen bei der Schweizerischen Waggonfabrik Schlieren (SWS) bauen. Die Wagen gelangten mit den Nummern Dr4ü 10– 12 als Privatwagen in den Dienst der RhB. Die MITROPA war bestrebt, Wagen bauen zu lassen, die dem neusten technischen Stand der Waggonindustrie entsprachen. Ihre Bauweise in genieteter Stahlkonstruktion entsprach
ebenfalls den neusten RhB-Personenwagen, welche gleichzeitig zur Ablieferung anstanden. Während die Personenwagen in der Zwischenzeit grösstenteils nicht mehr vorhanden sind, fahren die drei Speisewagen immer noch als GOURMINO-Speisewagen WR 3810 – 3812 auf dem Netz der RhB.
Bei der Berninabahn betätigte sich die MITROPA als Betreiberin der Speisewagen und des Bahnhofhotels und Restaurants in Alp Grüm. Im Gegensatz zur RhB besorgte die BB die als Speisewagen eingerichteten Salonwagen selbst. Obwohl auch bei der SWS in Schlieren gebaut, hatten sie den Normalien der BB entsprechend einen kürzeren Drehgestellachsstand und bedurften einer leichteren Konstruktion. Wegen des Grenzüberganges
von Campocologno nach Tirano hat die BB auf eine Küche verzichtet und diese in einem separaten Küchenwagen platziert. Dieser entstand aus einem gedeckten Güterwagen, erhielt geschlossene Plattformen mit Faltenbalg, wie die beiden Saalwagen. Die Schnellzüge mit Speisewagen verkehrten gemäss Fahrplan von 1928 bis 1936. In der Dienstausgabe der BB von 1936 war
handschriftlich der Vermerk angebracht «verkehrt nicht mehr». Die Wirtschaftskrise und die politische Situation in der sich Deutschland und Italien befanden, unterbanden den Fremdenverkehr aus dieser Richtung. Während des Zweiten Weltkrieges benützte der Generalstab der Schweizer Armee gelegentlich die Speisewagen, ansonsten standen sie in Poschiavo abgestellt. Die MITROPA liess die Wagen 1944 in der eigenen Werkstätte in Berlin-Falkenstein mit einer Küche nachrüsten und verwendete sie seither als Dr4ü 13 und 14 auf dem RhB-Netz. Nach Ausrüstung eines Drehgestells mit einem Bremszahnrad setzte sie die RhB bis zu ihrer Ausrangierung 1989 im Sommer als WR 3813 und 3814 im Glacier Express und im Winter bis 1969 in durchgehenden Zügen Landquart – Davos Platz – Filisur – St. Moritz ein. Die Bewirtschaftung dieser Wagen übernahm die Schweizerische Speisewagen Gesellschaft.
(Foto: Gian Brüngger)
Den Küchenwagen baute die Werkstätte Poschiavo im Jahre 1940 mit Teilen eines rotierenden Umformers zur elektrischen Schneeschleuder Xrote 9215 um. Nach ihrer Ausrangierung verkaufte die RhB die beiden Speisewagen an die Dampfbahn Furka Bergstrecke DFB, welche sie zunächst nach Klus (SO) brachte, wo sie umgebaut werden sollten. Nach zehn Jahren Abstellzeit holte die RhB den WR 3814 zurück und baute ihn in der Hauptwerkstätte Landquart in einen Saalwagen für die GOURMINO-Speisewagen um. Der Verein Pro Salonwagen holte den WR 3813 2003 zurück und wollte ihn in einen Pianobarwagen umbauen lassen. Im Frühling 2010 hat ihn A&M Untervaz abgebrochen und die Küche gelangte anschliessend in das Bahnmuseum Bergün. Der 3814 ist in der Zwischenzeit zum Pianobarwagen umgebaut worden. Er soll zusammen mit den Pullmanwagen eingesetzt werden.
(Foto: Gian Brüngger)

Kombination von „guter alter Zeit“ und modernem Fahrzeugbau

RhB-Speisewagen im Stil der zwanziger Jahre (Foto: RhB)

Trotz der Wandlung in Bezug auf die Beurteilung des Speisewagen-Interieurs boten sich der RhB weitere grundlegende Probleme: Die alt gewordenen Wagen genügten in technischer Hinsicht den heutigen Anforderungen und Vorschriften nicht mehr. Aber auch die Kücheneinrichtungen waren hoffnungslos veraltet. Es waren z.B. nur Eisschränke, aber keine Kühlanlagen vorhanden.

1968-1972 sind die Laufeigenschaften der fünf RhB-Speisewagen durch den Einbau neuer Drehgestelle ganz wesentlich verbessert worden. Das war auch nötig, weil die Höchstgeschwindigkeit bei der RhB von 45 km/h auf 80 km/h erhöht worden ist!

Im Sinne eines Grossversuches ist sodann im Jahre 1974 der Speisewagen WR 3812 in der Hauptwerkstätte Landquart umgebaut worden. Es wurde eine vollständig neue Küche auf der Basis „Mikrowellen“ eingebaut; die Speisesaal-Ausrüstung behielt man dem neuen Trend entsprechend möglichst bei. Sehr viel schadhaft gewordenes Echtholz-Täfer wurde durch Kunststoff ersetzt. Gerade dieser Stilbruch hat dann „Kenner“ zu Entrüstungsstürmen veranlasst. Immerhin konnten mit diesem ersten modernisierten RhB-Speisewagen insbesondere im Küchenbereich wertvolle Erfahrungen gesammelt werden. inzwischen verfügt die SSG auch über Erfahrungen mit „Self-Service-Speisewagen“ auf dem SBB-Netz.

In Würdigung aller Erfahrungen, Möglichkeiten und Zukunftsaussichten hat die Leitung der RhB 1978 in Bezug auf die Speisewagen den folgenden Beschluss gefasst:

Man bleibt beim „Vollservice-Speisewagen“. Als Ergänzung dazu dient der ambulante Verpflegungsdienst. Die beiden noch nicht umgebauten Speisewagen der Stahlbauaert, die Wagen WR 3810 und 3811, werden in der bahneigenen Hauptwerkstätte Landquart ebenfalls vollständig erneuert, und zwar wesentlich grundlegender als der Prototyp-Umbauwagen WR 3812. Der Umbau soll umfassen: Abbruch der Wagen bis auf das nackte Stahlgerippe, Ersatz der angerosteten Partien, Verstärkung wo nötig; Einbau einer neuen, rationell zu bedienenden Küche mit genügendem Kühl- und Tiefkühlraum, vollständige Erneuerung der Innenausstattung unter strikter Wahrung des Stiles der zwanziger Jahre und unter Wiederverwendung der wertvoll gewordenenen Messing-Armaturen und – Accessoires, Einbau von doppelverglasten Fenstern, Verbesserung der Lüftung und Neuinstallation der elektrischen Ausrüstung.

Die beiden kleineren Speisewagen ex. Bernina, die Wagen WR 3813 und 3814, deren Aufbauten Holzkonstruktionen sind und die zurzeit auch im Glacier Express bis Andermatt verkehren, werden durch einen neuen Speisewagen abgelöst.

Soweit der grundsätzliche Beschluss der RhB-Leitung. Es werden also nach Abschluss der nunmehr eingeleiteten Umbau- und Neubau-Aktion bei der RhB noch insgesamt vier Speisewagen vorhanden sein: Drei umgebaute und ein neuer. Drei dieser Wagen werden die genau gleiche, sehr moderne Küchenausstattung haben. Der neue Speisewagen wird zwar keine „nostalgische“ Saalausstattung erhalten; es soll aber beim Innenausbau durch Verwendung von Holz eine warme, freundliche Atmosphäre geschaffen werden.

Ein „Nostalgie-Speisewagen“ steht in Betrieb

Der erste in der Hauptwerkstätte Landquart nach dem Grundsatz-Konzept vollständig umgebaute RhB-Speisewagen WR 3810 steht seit Beginn der Wintersaison 1982 in Betrieb. Der zweite, gleich gestaltete Wagen WR 3811 wird auf die Sommersaison 1983 verfügbar sein.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Was hier die Techniker und Handwerker der RhB zustande gebracht haben, verdient hohe Anerkennung! Klein, aber fein – es dürfte sich um den gediegendsten Speisewagen in der Schweiz handeln.

Die Länge des Wagens von 16.5 m ist unverändert geblieben, ebenso sein Leergewicht von 25 t. Die Anzahl der Sitzplätze, die wesentlich bequemer geworden sind, musste leider von 36 auf 34 reduziert werden. Office und Küche wurden zusammengelegt und die küchenseitigen Aussentüren aufgehoben, um Platz zu gewinnen. Dadurch war es möglich, den letzten Quadratzentimeter Fläche sinnvoll auszunützen und einen äusserst raffiniert gestalteten Küchenraum auf nur 7.5 m2 Grundfläche einzubauen. Die freie Bodenfläche beträgt nur 2.4 m2. in diesem Raum müssen Koch und Kellner wirtschaften. Um die Aktionsradien abzustecken und die Zugänglichkeit und Handlichkeit aller Einrichtungen zu testen, wurde in der Werkstätte Landquart eine massgetreue Küchenattrappe aufgebaut. Mit dem Speisewagen-Personal sind anhand dieser Attrappe alle Details und Arbeitsabläufe durchbesprochen worden, und es war möglich, Korrekturen schon in der Planungsphase vorzunehmen. Die Küche, weitgehend aus Chromstahl und Kunststoffen gestaltet, ist trotz den bescheidenen Abmessungen vorbildlich ausgerüstet: Zu finden sind ein Umluftofen, ein Elektro-Kochfeld mit Dampfabzug, ein Wärmeschrank, eine Kaffeemaschine mit Dosiermühle, ein Geschirrwaschautomat, verschiedene Kühl- und Tiefkühlfächer und eine grosse Zahl von Schränken und Regalen. Ausserdem mussten noch die Wassertanks, die UV-Wasserentkeimungsanlage, die Boiler, die Druckwasserpumpen, die Kühlanlage, die Umformeranlage, welche den Bahnstrom in Industriestrom umformt, und die umfangreichen elektrotechnischen und sanitären Installationen untergebracht werden. Die Küche ist mit einer elektrischen Bodenheizung, der Speisesaal mit teilweise versenkten Konvektionsheizkörpern ausgerüstet. Im Saal sind vier stufenlos regulierbare Dachventilatoren eingebaut. Dass auch eine Musik- und Durchsageanlage vorhanden ist, versteht sich von selbst.

Umbau des Speisewagens in der HW Landquart (Foto: RhB)

Ganz besondere Sorgfalt wurde bei der Gestaltung des Speisesaals im Stil der zwanziger Jahre angewandt. Das alte Holztäfer musste zwar, weil allzu schadhaft geworden, entfernt werden. Es gelang aber der Schreinerei der RhB-Werkstätte Landquart, mit neuem Material die alte Schönheit der Ausstattung wieder zurückzuholen. Die alten Messing-Accessoires versehen und wieder vollumfänglich eingebaut. Die Polstersitze sind restauriert, grundlegend verbessert und mit einem passenden Velours-Stoff bezogen worden. Das so gestaltete Interieur darf sich nun sehen lassen; es strahlt eine stilvolle Gemütlichkeit aus.

Umbau des Speisewagens in der HW Landquart (Foto: RhB)

Als Berater für die stilgerechte Gestaltung der kundenseitigen Räume wirkten der bekannte Churer Architekt Dr. Theodor Hartmann und die Firma Spörri AG, Zürich, mit. Die „massgeschneiderte“ Küchenausstattung in Chromstahl lieferte die Firma Weibel AG, Chur. Dass die Schweizerische Speisewagen-Gesellschaft beim Um- und Neubau der RhB-Speisewagen mit der RhB eng zusammenarbeitete, ist selbsverständlich.

Das äussere Aussehen des umgebauten Speisewagens ist vielleicht etwas „eckiger“ geworden, und die Fensterteilung weist Unregelmässigkeiten auf. Der inneren Raumgestaltung musste indessen eindeutig der Vorrang gegeben werden.

Sicher stellt sich abschliessend die Frage: Lohnt sich ein solcher Umbau? Nachdem der RhB-Verwaltungsrat die Direktion beauftragt hatte, den Speisewagenbetrieb als Dienstleistung besonderer Art weiterzuführen, galt es mit vertretbarem Aufwand etwas Praktisches und doch gediegens aufzubauen. Da die Platzzahl in einem Speisewagen begrenzt ist, muss auch der Betriebsaufwand klein gehalten werden. Will man trotzdem ein relativ reichaltiges Angebot präsentieren, sind die Einrichtungen abreitssparend und pflegeleicht zu gestalten. Die RhB stellt fest, dass ein Umbau in der beschriebenen, grundlegenden Art in der bahneigenen Werkstätte nur ungefähr halb soviel kostet wie die Beschaffung eines ganz neuen Speisewagens.

(Foto: RhB)

Eine etwas andere Art von Speisewagen stellte der „Eishockey-Speisewagen“ WR-S 3820 dar, der 1981 mit Unterstützung der Calanda-Bräu aus dem ehemaligen Postwagen Z 86 hergerichtet wurde. Er diente fast ausschliesslich der Versogrung von Eishockey-Fans, die in Sonderzügen von Chur zu den Spielen in Davos oder Arosa gebracht wurden. 1993 schied er aus dem Dienst aus und befindet sich aktuell im Besitz der Interessengemeinschaft RhB-Info, die ihn zurück auf die Schiene bringen will.

Neue Speisewagen für den Glacier Express

(Foto: Gian Brüngger)

Zur gleichen Zeit als die alten Speisewagen aus den dreissiger Jahren modernisiert und aufgearbeitet wurden, setzte die positive Entwicklung des Glacier Express ein. Eine Revision der bestehenden zwei ehemaligen Berninabahn-Speisewagen hätte sich nicht mehr gelohnt. Die RhB beschaffte aus diesem Grund einen neuen Speisewagen WR 3815 mit Bremszahnrad. Die Konstruktion des Wagenkastens lehnte sich stark an jene der EW II an, die Küche an die der WR 3810-3811.

Veränderte Verhältnisse und „Renaissance“

Die Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre, der Zweite Weltkrieg und die nachfolgend völlig veränderten Verkehrsstrukturen stellten unter vielem anderem auch den Speisewagenbetrieb auf der RhB mehr als einmal ernsthaft und grundsätzlich in Frage.

Der „Nussbaumholz-Plüsch-Messing-Stil“ schien in den fünfziger und sechziger Jahren endgültig vorbei zu sein. Nüchterne, eckige Formen, Stahlmöbel, Neonbeleuchtung, Plastikmaterial und „Schnelless-Einrichtungen“ wurden Mode. Aber auch die Kücheneinrichtungen der inzwischen in den Besitz der RhB übergangenen ehemaligen „Mitropa-Speisewagen“ waren veraltet und der Betrieb wurde äusserst unrentabel. Das Ende der Speisewagen-Ära bei der RhB war kaum mehr abzuwenden.

Nach vielen Diskussionen mit der „Schweizerischen Speisewagen-gesellschaft (SSG)“, welche als Nachfolgerin der „Mitropa“ seit 1949 die RhB-Speisewagen betreibt, entschloss sich die Leitung der RhB, noch einen „Wiederbelebungsversuch“ zu wagen. Vorerst wurden die Laufeigenschaften der Speisewagen durch den Einbau von neuen Drehgestellen wesentlich verbessert. Sodann wurde 1974 einer der Speisewagen in der RhB-Hauptwerkstätte Landquart modernisiert und mit einer vollständig neuen Küche auf der Basis „Mikrowellenherd“ versehen. Der Erfolg war eher enttäuschend.

Die beiden bisher im Glacier Express eingesetzten kleinsten RhB-Speiswagen WR 3813 und 3814 sind vor allem im Küchenteil für die zunehmende Beanspruchung ungenügend. Ihr Ersatz wurde dringend. Das wachsende Zugangebot auf der Glacier Express-Route liess jedoch die vorgesehene Ausmusterung der WR 3813-3814 auch weiterhin nicht zu.

Wie erwähnt, wurde deshalb 1978 bei der RhB beschlossen, die „Umbau-Speisewagen“ durch einen zusätzlichen ganz neuen Speisewagen zu ergänzen. Der Wagenkasten wurde zusammen mit der letzten Personenwagen-Bestellung bei der Flug- und Fahrzeugwerke AG, Altenrhein (FFA) in Auftrag gegeben. Die Wagenbauert enstpricht grundsätzlich derjenigen der bewährten „RhB-Einheitswagen“ Typ II und III (77 Fahrzeuge). Der Wagenkasten ist aus Aluminium-Strangpressprofilen zusammengebaut. Der Wagen ist über die Puffer 18.5 m lang, das Dienstgewicht beträgt dank der Alu-Bauweise trotz Drehgestellen mit Zahnradbremse nur 21 t, gegenüber 25 t bei den Umbauwagen in Stahlbauart. Es sind 36 Restaurationsplätze vorhanden. Die Spezial-Drehgestelle mit Zahnradbremse, ebenfalls eine Konstruktion von FFA, verleihen dem Wagen ausgezeichnete Laufeigenschaften.

Der Innenausbau des neuen Wagens erfolgte nicht im Stile der zwanziger Jahre – man wollte keine Kopie oder „Stil-Attrappe“ bauen. Zusammen mit dem Designer Uli Witzig haben die Fachleute der RhB und FFA jedoch ein freundliches und handwerklich schönes Interieur geschaffen. Viel Massivholz, farblich aufeinander abgestimmte Vorhänge und Polsterstoffe sowie ein entsprechender Teppichboden geben dem fahrenden Restaurant ein wohnliches Aussehen mit etwas nordischem Gepräge. Eine Klimaanlage ist nicht vorhanden, der Wagen verkehrt ja im Gebirge. Eine feinregulierbare Heizung und eine Zusatz-Deckenlüftung sorgen aber für eine angenehme Raumatmosphäre.

Der Einbau der Küche, der Wasserversorgung und der umfangreichen elektrischen Ausrüstung erfolgten in der RhB-Hauptwerksätte Landquart.

Ein Speisewagen ist letztlich soviel Wert wie sein gastronomisches Zentrum, die Küche. Im sehr beschränkten Raum eines Schmalspur-Speisewagens eine moderne, leistungsfähige Küche samt Kühlanlage, Wasser- und Stromversorgung unterzubringen, ist ein sehr problematisches und auch kostspieliges Unterfangen. Normteile, ausgelegt für stationäre Küchen, sind nur sehr beschränkt brauchbar. Der aus der Heizleitung des Zuges bezogene Bahnstrom muss auf Normalstrom umgeformt, Wasser aus dem Wassertank muss entkeimt und auf den notwendigen Druck gebracht werden usw. Alles muss natürlich auch frostsicher sein, denn 20-30 °C unter Null sind im Winter in Höhenlagen keien Seltenheit.

Während Jahren wurde das Problem „Küche“ mit den Verantwortlichen der SSG und mit dem Speisewagen-Personal besprochen und die Ausrüstung schliesslich anhand von Zeichnungen, Attrappen und Mustern optimiert. In den „Nostalgiewagen“ beträgt die Grundfläche der Küche nur 7.3 m2, im Neubauwagen 8.4 m2. Die freie Bodenraumfläche beträgt nur etwa 3 m2. In diesem Raum müssen Koch, Kellner und allenfalls Gehilfe wirtschaften. Die Festlegung der „Aktionsradien“ sowie die Zugänglichkeit und Handlichkeit aber auch Robustheit und Reinigungsfreundlichkeit der Einrichtungen sind von ausschlaggebender Bedeutung.

Die Küchen der „Nostalgiewagen“ und des neuen Speisewagens sind genau gleich eingerichtet.

Im Glacier Express und im Rhein-Rhone-Express verkehren seit Juni 1984 zwischen Chur und Reckingen sowohl der neue RhB-Speisewagen wie auch einer der „Nostalgiewagen“.

Die beiden ältesten, sehr kleinen und vor allem im Küchenteil absolut ungenügenden RhB-Speisewagen WR 3813 und 3814, die bisher im Glacier Express eingesetzt waren, werden im Sommer 1984 dort noch Aushilfe leisten.

Anfangs Dezember 1987 stellte RhB-Direktor Jörg Hatz der Presse deshalb den längsten Speisewagen mit 60 Sitzplätzen vor. Es handelt sich um ein Gemeinschaftswerk der Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein (FFA) und der bahneigenen Werkstätte Landquart. Der neue Doppel-Speisewagen besticht durch seine Länge von 34 Metern und durch sein gemütlich-elegantes Interieur. Das aus zwei kurzgekuppelten Wagen bestehende Fahrzeug ist mit modernster Infrastruktur ausgerüstet und bietet im „Küchenwagen“ Platz für 24 Personen, im Nichtraucher vorgesehenen „Saalwagen“ können sich 36 Fahrgäste kulinarischer Genüsse erfreuen. Das jüngste Schmuckstück der RhB wird diesen Winter hauptsächlich auf der Strecke Chur – St.Moritz sowie für „Zvieri-Fahrten“ auf der Unterengadiner-Linie nach Scuol-Tarasp eingesetzt. Gedacht ist auch eine Verwendung als „Gesellschaftswagen“ für Bankette. Für die jeweils frisch zubereiteten Speisen ist die Schweizerische Speisewagen Gesellschaft (SSG) zuständig.

(Foto: Gunther Lange)
(Foto: Gunther Lange)

Die zunehmende Nachfrage auch von Gruppenreisen und die Ausweitung der Speisewagenläufe zwang die RhB schon bald wieder, sich etwas zur Vergrösserung des Platzangebotes einfallen zu lassen. So wurde 1993 der A 1223 kurzerhand mit herausnehmbaren Tischen ausgestattet, um damit die Einzelspeisewagen bedarfsweise zu Doppelspeisewagen ähnlich wie der „JUMBO“ erweitern zu können. Der Wagen trägt seither die Bezeichnung (WR-S) 1223 und wird an das Küchenende eines echten Speisewagens gekuppelt.

Speziell für Gesellschaftsreisen kreierte die RhB 1993 den WR-S 3821 „Stiva Retica“. Er entsand in Landquart durch Umbau aus dem Stahlwagen A 1208. Die Inneneinrichtung ist ganz in Fichtenholz gehalten und vermittelt die Atmosphäre einer Bündner Stube. Der Gesellschaftswagen hat keine Küche, jedoch eine Kühlanlage, wird ausschliesslich an Gruppen verchartert und kann jedem Zug auf dem Stammnetz beigestellt werden. Die Finanzierung erfolgte weitgehend durch Sponsoring.

Ebenfalls 1993 baute die HW Landquart einen EW I, den A 1243, zu einem Speisewagen um. Dieser bekam eine kleine Küche für Catering-Betrieb mit Kühlanlage und Steamer.

(Foto: Fabian Wild)
(Foto: Fabian Wild)

Der Gourmino

Die Revision der ersten „MITROPA-Wagens“ lag schon einige Jahre zurück. Auch wenn die Küche in den 80er Jahren weitgehend dem Standard der 1983 modernisierten Wagen angepasst wurde, war eine erneute Komplettrevision notwendig. Die gesamte Inneneinrichtung wurde erneuert, wobei der Gastraum wieder im Pullman-Stil der zwanziger Jahre eingerichtet wurde. Da sich die Speisewagen mittlerweile farblich kaum noch von den übrigen Fahrzeugen abhebten, entschied sich die RhB erstmals für eine königsblaue Farbgebung. Der Wagen wird nach einem neuen Konzept vermarktet und erhielt in diesem Zusammenhang die Bezeichnung „Gourmino Graubünden“ sowie eine entsprechende, auffällige Beschriftung. Zur Sommersaison 1996 stand der WR 3812 wieder für den Planeinsatz zur Verfügung.

Mit den 1996 vorhandenen Speise- und Gesellschaftswagen kann die RhB insgesamt 315 Sitzplätze in ihren rollenden Restaurants anbieten, somit fast doppelt so viele wie vor der Indienststellung des ersten Neubauwagens 1984. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Speisewagenpark nur 164 Plätze aufzuweisen. Alle Wagen können freizügig auf dem RhB-Stammnetz und den Strecken der FO und BVZ eingesetzt werden, mit Bremszahnrad sind jedoch nur die Wagen 3815 und 3816/17 ausgerüstet. Die anderen Wagen dürfen auf den Zahnradstrecken nicht am Zugschluss eingestellt werden.

Planmässige Speisewagenläufe bietetdie Rhätische Bahn zwischen Chur und St.Moritz sowie auf der Glacier-Express-Route an. Die RhB-Speisewagen dringen dort bis nach Brig vo, was teilweise zweitägige Umläufe erfordert. In der Hochsaisomn werden sämtliche Vollspeisewagen mit eigener Küche sowie der Catering-WR planmässig benötigt. Grössere Unterhaltsarbeiten und Reparaturen müssen möglichst in die Zwischensaison verlegt werden. Den Service in den RhB-eigenen Speisewagen versieht seit 1949 die Schweizerische Speisewagen-Gesellschaft (SSG).

Die SSG

Die Schweizerische-Speisewagen-Gesellschaft wurde 1903 gegründet und hatte seinen Hauptsitz in Olten. Sie war eine indirekte Folge der Überführung der damaligen Privatbahnen in die staatlichen Schweizerischen Bundesbahnen. Das Personal und Rollmaterial wurde von der Compagnie internationale des Wagons-Lits (CIWL) übernommen. Die SSG betrieb diverse Speise-, Buffet- und Gesellschaftswagen in der Schweiz. Im Jahre 2000 wurde die SSG durch die Bon appétit Group aufgekauft und erhielt den neuen Namen Passaggio Rail. Diese ging wiederum im Jahr 2003 in die heutige der SBB gehörende Elvetino über.

Mit der Inbetriebnahme des neuen Premium-Glacier-Express im Jahr 2006 übernahm die Bewirtschaftung der Speisewagen die RailGourmino swissAlps. Sie ist neuer Caterer bei der RhB und MGB.

Doch bereits ab Mai 2014 wurde das Catering auf den Strecken der RhB und MGB an die Rhätia Werte AG abgegeben. Es handelt sich dabei um eine Tochtergesellschaft der Rhätischen Bahn. Die Charter- und Sonderfahrten der RhB sowie der Bernina Express werden von RailGastro kulinarisch betreut.

Umbau des Speisewagens WR 3811

Der frisch revidierte Speisewagen WR 3811 in der HW Landquart (Foto: Samuel Kier)

Der im Jahre 1929 erbaute Speisewagen WR 3811 der Rhätischen Bahn erfuhr im Jahre 2017 einen Totalumbau. Zum einen, da er für die neuen Albula-Gliederzüge für die Verpendelung mit dem neuen Druckluftsystem, der Mehrzug-Steuerung und neuer Zug- und Stossvorrichtung inklusive Nilatron-Platten auf den Puffern benötigte. Zum anderen, da die letzte grössere Überholung des Fahrzeuges auch schon mehr als 30 Jahre zurücklag.

So wurde der Wagen vom 30. Januar 2017 bis zum 27. Oktober 2017 in der Hauptwerkstätte der RhB in Landquart generalüberholt. Ausserhalb des Wagens wurden die Drehgestelle ausgelassen und alle Anbauteile und Leitungen demontiert. Anschliessend folgte eine Komplettreinigung des Untergestells, da sich vor allem auf der Seite der Küche viele Rückstände bildeten. Im Wagen wurden zuerst alle Sitze, Wände, Decken, Böden und Teppiche, Fenster, Türen, elektrische Komponenten sowie das Haupttableau und ein Teil der Küchenkombination ausgebaut. Als die Wände entfernt wurden, mussten diese saniert werden. Unter anderem musste beinahe auf der gesamten Wagenlänge neue Stahlbleche eingeschweisst werden, da der Wagen aufgrund seines genieteten Kastens viele Rostlöcher aufwies. Weiter wurde in der Konstruktionsschlosserei der HW die Front auf der Einstiegsseite auf jeder Seite um 10cm verbreitert. Dies musste gemacht werden, da mit allen neuen Leitungen bei der sonst engen Front ein Engpass entstanden wäre. Jedoch wurde diese Verbreiterung vom technischen Büro sehr gut geplant und fällt keineswegs auf. Nach den Schlosserarbeiten wurde der Wagen abgeschliffen, neu grundiert und mit blauem Glanzlack versehen.
Die elektrischen Installationen und mechanischen Arbeiten waren nun an der Reihe. Alle mechanischen Teile wurden ausgebaut und revidiert. In der Zwischenzeit wurden auch alle Holzteile behandelt und die Sitzpolster neu bezogen. Ebenfalls wurde das ausgebaute Haupttableau komplett zerlegt und mit modernsten Geräten und Apparaten neu aufgebaut. Bevor dieses eingebaut werden konnte, mussten verschiedene Arbeiten am Holkasten ausgeführt werden und alle Leitungen eingezogen werden, von welchen die meisten bestehenden erneuert wurden. Ebenfalls musste die gesamte Küche neu verdrahtet und teilweise mit Wasser oder Kühlleitungen ausgestattet werden.

Der Wagen besitzt vier Kühlschränke und einen Tiefkühlschrank. Für diese besitzt er ebenfalls eine Kühlanlage, welche in diesem Zuge auch ersetzt wurde.  Die Küche besitzt eine Bodenheizung, welche vor dem Einbau des neuen Gummibodens eingelegt und verdrahtet werden musste. Nach Abschluss der elektrischen Arbeiten konnte der neue Teppich verlegt werden. Danach folgte die Montage der Heizungen sowie den Fenstern und Wänden. Als Abschluss wurden Details wie Tisch- und Deckenlampen montiert. Die goldenen Zierstreifen und Anschriften wurden ebenfalls am Schluss angebracht. Um sicherzustellen, dass keine der neuen Leitungen ins Profil der Drehgestelle ragen, wurde eine Auslenkung der Drehgestelle gemacht. Dazu wurde der Wagen mit einem Drehgestell auf die Schiebebühne gestellt. Als die Schiebebühne vorsichtig bewegt wurde, drehten sich die Drehgestelle. Als bis zu einem festgelegten Punkt keine Kollision mit Leitungen oder sonstigen Komponenten bestand, war auch dieser Test bestanden.

Der fertige Wagen konnte vom 1. bis 5. November an der Herbstmesse «GUARDA» in Chur bestaunt und erlebt werden. Es wurde ein Catering mit Speis und Trank angeboten. Nach dieser Messe konnte der Wagen nach 10 Monaten Umbauzeit wieder dem Betrieb übergeben werden.

(Quelle: Rhätische Bahn AG, Archiv RhB, RhB-Nachrichten, Info Retica, Die Fahrzeuge der Rhätischen Bahn – Teil 4 – Schweers+Wall)