Rungenwagen

Der Waldreichtum im Land der 150 Täler ist für Graubündens Wirtschaft von grosser Bedeutung. Er ist für viele Gemeinden fast die einzige grosse Einnahmequelle, entweder durch Verkauf oder durch Verarbeitung des Holzes in den Gemeindesägereien.

In vielen Fällen organisiert heute die Versandbahn den Transport des Rundholzes aus dem Wald bis zum Bahnverladeplatz. Für Landwirte und kleinere private Transportunternehmer stellen solche Transporte eine willkommene Ergänzungsbeschäftigung dar. Auf vielen Bahnstationen im Kanton Graubünden besorgt die Bahn den Verlad des Holzes mit Gabelhubstaplern oder mit elektrisch betriebenen Kran. Mit dem Bahnkran kann das zur Bahnstation transportierte Holz in einem Hub auf die Eisenbahnwagen umgeladen werden.

Die Rhätische Bahn beschaffte in den ersten Betriebsjahren ausschliesslich zweiachsige Wagen der Bauarten K, L und M. Damit konnten damals alle Gütertransporte abgewickelt werden. Für den Transport von Holz wurde auf die 20 Drehschemelwagen des Typs N zurückgegriffen. Das Langholz stellte dann die Verbindung zwischen den beiden Drehschemelwagen her. So konnte das Fahrzeug recht indiviuell auf die Länge der Holzstücke angepasst werden. Aus Sicherheitsgründen  konnten so aber nicht ganze Züge gebildet werden.

Diese paarweise eingesetzten Wagen rollten entweder direkt gekuppelt oder nur mit der Holzladung verbunden am Zugschluss. Mit zwei der nur 3.5 Meter langen Wagen war es möglich, Holzstämme bis zu 13 m Länge zu befördern.

Vor dem ersten Weltkrieg bestellte die RhB 1911 und 1913 18 vierachsige Plattformwagen mit der Typenbezeichnung O1. Bei diesen Wagen handelte es sich um die ersten Drehgestellwagen im Güterverkehr. Sie waren mit ihrem Ladegewicht von 25 t und der Ladelänge von 15 m die damals grössten Schmalspur-Güterwagen in der Schweiz. Erstmals erhielten die Wagen auch eine lastabhängige, umstellbare Vakuumbremse. Die Fahrzeuge besassen herunterklappbare Rungen, damit auch andere Materialien transportiert werden konnten.

Ende der Zwanzigerjahre bestellte die Rhätische Bahn sechs weitere Wagen dieser Bauart. Sie hatten die gleichen Abmessungen wie diejenigen Wagen der ersten Serie, hatten aber ein höheres Ladegewicht von 30 t.

Vorallem als der Güterverkehr über den Bernina erfreuliches Ausmass annahm, mussten weitere Wagen für den Holztransport beschafft werden. Die RhB stellte Plattformwagen vom Typ OM7 in Betrieb, die besonders ihrer geringen Tara und ihrer grossen Tragfähigkeit wegen interessant sind.

Diese Wagen eignen sich besonders für den Transport von sperrigen Gütern, Baumaschinen, Maschinenteilen, Blockholz, Langeisen, Containern usw. und sind deshalb dauernd stark gefragt. Die Fahrzeuge wurden von den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein gebaut, sind etwa 2.5 m breit und messen über Puffer 15.9 m. Bei nur 11.5 t Tara im Mittel können sie mit bis zu 35 t beladen werden. Die Vakuumbremse besitzt drei Lastumstellstufen, wodurch sich das Bremsverhältnis weitgehend dem tatsächlichen Wagengewicht anpassen lässt, die letzten zwei Wagen der Serie erhalten überdies ein Spezialventil „Charmilles“, womit sich die selbe Bremsapparatur auch mit Druckluft auf der Strecke Bellinzona-Mesocco betätigen lässt. Diese Vereinfachung dürfte erstmals in der Welt bei der RhB verwirklicht worden sein. Die Rungen einschliesslich Geländer und die Zubehörteile der Bremsplattform können vollständig niedergelegt werden, so dass bei Bedarf eine ganz freie grosse Plattform (Ladefläche) von rd. 36 m2 entsteht, die eine sehr vielseitige Verwendung dieser geschätzten Fahrzeuge erlaubt.

Für die Wagen wollte man prinzipiell die bewährte Bauart der vorhandenen Fahrzeuge übernehmen und gleichzeitig die Vorteile moderner Schweisskonstruktionen ausnützen. Durch Ausnützung aller konstruktiven Vorteile gelang es der Lieferfirma, einen Wagen zu bauen der bei 35 t Tragkraft nur 11.5 t Eigengewicht besitzt. Um ganz lange Transportgüter auf mehrere Wagen verladen zu können, sind Rungen, Geländer und Handspindel umklappbar oder wegnehmbar, sodass eine allseitig freie Ladefläche entsteht.

Neue Holtransportwagen

Im Rahmen des technischen Erneuerungsprogrammes VII Art. 56 des Eisenbahngesetzes hatte die RhB die Möglichkeit, einen Plattformwagen zusammen mit der Firma Ferriere Cattaneo in Giubiasco zu entwickeln. Im Juli 1977 konnten dann auch 20 solche Wagen der genannten Firma in Auftrag gegeben werden. Die Auslieferung ist im Juni 1979 angelaufen.

Die Untergestelle sind für einen Pufferdruck von 80 t und eine Punktlast von 35 auf 4 m in Wagenmitte ausgelegt. Extra stark dimensionierte Steckrungen, 6 Stück pro Seite, halten die Holzladung zusammen. Die Steckschlaufen für die Steckrungen wurden im Längsträger so integriert, dass die auftretenden Kräfte, herrührend von der Keilwirkung der Ladung und der Seitenbeschleunigung (Fliehkraft) bei Kurvenfahrt, ohne Deformation der Rungen und der Längsträger aufgenommen werden können. Draht oder Kettenverbindungen zur Entlastung der Rungen sind nicht mehr notwendig.

Sämtliche 20 Wagen sind mit den üblichen Binderingen für Ketten versehen. Zwei Wagen davon wurden versuchsweise zusätzlich mit einer eigens dafür entwickelten Bindevorrichtung (Gurtenkasten mit Rätsche), 6 Stück pro Wagen, versehen.

Diese Wagen können auch für Transporte anderer Güter verwendet werden, z.B. schwere Baumaschinen, Lastwagen etc. Die Steckrungen sind in diesen Fällen zu entfernen, sie sind dann allerdings örtlich zu deponieren (Depots, HW etc.). Die Längsträger sind so dimensioniert, dass mit schweren Lasten bis zu 35 t seitlich aufgefahren werden kann ohne bleibende Deformationen zu hinterlassen.

Um ein Längsverschieben einer Ladung über den Stossbalken hinaus zu verhindern, können stirnseits die üblichen Steckrungen verwendet werden, entsprechende Schlaufen sind vorhanden. Die stirnseitigen Geländer auf der Handbremsseite sind steckbar und können analog den R-w Wagen im Untergestell deponiert werden.

Veränderte Kundenbedürfnisse erfordern neue Transportlösungen. Die verladende Wirtschaft verlangt zunehmend nach kombinierten und ganzheitlich geplanten Transportlösungen „Strasse- Schiene“ mit Wechselbehältern (WB) und Abroll-Container-Transport-Systemen (ACTS). Mit dem bestehenden Wagenpark kann die RhB diese Transportbedürfnisse nicht abdecken. Mit Inbetriebnahme des Sägewerks Stallinger hat die RhB einen grösseren Transportauftrag erhalten, welcher zusätzliches Wagenmaterial voraussetzte. Gleichzeitig verfügt die RhB über sehr viele Güterwagen, welche den Lebenszyklus bereits mehr als doppelt überschritten haben, das heisst die mehr als 60 Jahre alt sind und den heutigen Kunden- und Sicherheitsanforderungen nicht mehr genügen. Zur Abdeckung der oben genannten Kundenbedürfnisse, der Sicherstellung der Transportaufträge „Strasse-Schiene“ und als technische Reserve wurden durch den Geschäftsbereich Rollmaterial 10 Flachwagen Sgp 7601 – 7610, 5 Flachwagen Rp 65301 – 65305 und 15 Tiefladewagen Sb 65675 – 65689 beschafft.

Die 30 neuen Fahrzeuguntergestelle und die Drehgestelle wurden von der Firma Ferriere Cattaneo SA in Giubiasco geliefert. Wie üblich nahm der Geschäftsbereich Rollmaterial bei der Beschaffung der Fahrzeuge die Rolle eines Sublieferanten ein. So wurden alle RhB-spezifischen Komponenten wie z. B. die Zug-Stossvorrichtungen und die kompletten Bremseinrichtungen in Landquart produziert und bei der Endmontage in den Werkstätten des Geschäftsbereichs Rollmaterial montiert. Die von der Firma TBT Kombibahn Schweiz GmbH neu entwickelten Meterspurdrehgestelle wurden im Auftrag von Ferriere Cattaneo bei der SRS Süddeutsche Rail Service GmbH in Kaiserslautern (D) gebaut, wobei die Beschaffung und der Einbau der Achslagerungen und Radsätze durch den Geschäftsbereich Rollmaterial in Landquart erfolgte.

Für den Transport von Stammholz sind die Flachwagen mit schweren, nicht schwenkbaren Doppelrungen ausgestattet. Bei Bedarf können auch ISO-Container oder Wechselbehälter befördert werden. Für diesen Fall sind zusätzlich aufklappbare Containerzapfen auf dem Untergestell des Wagens platziert. Der Verlad von Containern oder Wechselbehältern setzt die Demontage der schweren Doppelrungen voraus.

Werkfotos

Fahrzeugfotos

Typenskizzen, Zeichnungen, Schemata

 

(Quelle: Rhätische Bahn AG, Archiv RhB, Schweizerische Bauzeitung, Info Retica, EA Nr. 1 Januar 1957, RhB-Nachrichten)