Hippsche Wendescheiben

(Foto: Gunther Lange)

Auf dem Stammnetz der Rhätischen Bahn gab es vor Einführung des Streckenblockes weder Einfahr- noch Ausfahrsignale. Erst auf den neuen Linien Ilanz – Disentis und Bever –Scuol erhielten alle Stationen seit Eröffnung an Abschlusssignale (Einfahrsignale). Diese konnten in Form von Semaphoren (Flügelsignale), Klappscheiben- oder Wendescheibensignale vorhanden sein. Aufgrund von engen Platzverhältnissen, musste in Tunnels eine andere Lösung gefunden werden. Man entschied sich für mechanische Lichtsignale. Eine bewegliche Scheibe deckte die jeweilige Signalstellung (rot oder grün) ab und hinterliess im Dunkeln die richtige Farbe. Solche Signale befanden sich unter anderem, in Solis, Muot und im Albulatunnel. Praktisch alle Bahnhöfe hatten als Einfahrsignal jedoch Hippsche Wendescheiben. Der Erfinder dieses Signalsystem war der aus Blaubeuren stammende Mathias Hipp. Er

interessierte sich schon seit seiner Kindheit für die Chemie, Physik und Mechanik. Unter anderem baute er für die Öhlmühle seines Vaters ein betriebfähiges Modell einer solchen Mühle mitsamt Wasserrad für den Antrieb. Später brachte ihn die weitere Ausbildung nach Ulm, St.Gallen und schlussendlich nach St.Aubin in der Westschweiz, wo er die Schweizer Uhrenindustrie kennenlernte. Zurück in Deutschland gründete er eine eigene Werkstätte, wo er seine Erfindungen testete und auswertete.

Später befasste er sich mit der Entwicklung von Eisenbahnsignalen. Dabei wendete er seine Entwicklung einer Pendeluhr an, bei der die Schwingungen nicht durch ein Uhrwerk oder durch Gewichte, sondern durch einen Elektromagneten aufrecht erhalten wurde. Auf Veranlassung der Schweizerischen Nordostbahn entwarf Hipp 1862 das später unter der Bezeichnung Hipp’sche Wendescheibe bekanntgewordenen Signal. Wie schon bereits erwähnt fanden diese elektrischen Wendescheiben eine weite Verbreitung, sowohl bei Haupt- als auch bei Nebenbahnen. An der Gotthardlinie waren solche als Einfahr-Vorsignale bis in die Dreissigerjahre, an Nebenlinien des Kreises III vor allem als Einfahrsignale sogar bis in die Siebzigerjahre im Betrieb. Von 1852 bis 1860 war Hipp technischer Leiter der eidgenössichen Telegraphenwerkstätte Bern. Trotz seines Todes am 3. Mai 1893 wurden seine Erfindungen weiterentwickelt. Unter anderem die Hippsche Wendescheibe, die den Namen des Erfinders des angewandten Prinzipes erhielt. Die erste Wendescheibe stand ab 1862 in Winterthur. Die Rhätische Bahn besass eine Anzahl von 150 Exemplaren dieses Signaltypes. Es gab verschiedene Typen der Hippschen Wendescheibe, obwohl das Prinzip bei allen dasselbe war. Die letzten RhB-Wendescheiben trugen noch von oben in die Scheibe einzuschiebenden Laternen. Diejenigen der SBB erhielten kleinere Beleuchtungsaufsätze. Seit 1939 wurden bei der SBB nur noch Lichtsignale verwendet. Bei der RhB hingegen traf man bis Ende 1980er noch Exemplare an, die aber Aufgrund erhöhter Geschwindigkeiten und Automatisierungen entfernt und durch Lichtsignale ersetzt wurden. Zuletzt noch auf der Oberländerlinie, dem Unterschnitt und im Unterengadin.

Funktionsprinzip:

Das Signal stand normalerweise ca. 200 m vor der Einfahrweiche auf der rechten Seite. Drei Drähte im Kabelkanal stellten die Verbindung zum Stellkasten im Bahnhof her. Dieser bestand aus einem Stellapparat mit einem Hebel, welcher im Normalfall nach rechts zeigte. Damit die Scheibe geöffnet werden konnte, musste zuerst der Schlüssel gedreht und der Hebel nach links gestellt werden. Damit nicht beide Signale auf „Offen“ zeigten, durfte nur ein Schlüssel verwendet werden. Im Büro des Vorstands war ein zweites plombiertes Exemplar vorhanden. War der Bahnhof unbedient, stand ein zweiter Schlüssel zur Verfügung. Beide Signale zeigten „Fahrt“. Der Bahnhof war wie ein Durchgangsbetrieb. Die Einfahrweiche durfte aber nur mit 20 km/h befahren werden. Stellte man den Hebel auf links, ertönte eine Glocke und gleichzeitig löste die Batterie im Kasten einen Impuls aus, welcher auf der Wendescheibe einen Elektromagneten auslöste und den Widerhaken anzog, so dass die Scheibe durch die Schwerkraft des Gewichtes um eine Viertel- oder Dreivierteldrehung wechselte.

Bei „Halt“ zeigte die runde Scheibe rot mit weissem Diagonalstrich gegen den Zug. Die Rückseite war weiss mit einem schwarzen Diagonalstrich. Bei „Fahrt“ wechselte die Scheibe um eine Viertel- oder Dreivierteldrehung und zeigte nur noch die dünne Seite mit den kleinen Seitenflügeln gegen den Zug. Die über der Scheibe angebrachte Laterne zeigte in der Nacht bei „Halt“ ein rotes Licht und bei Fahrt ein grünes Licht. Das verwendete Gewicht, für das Auslösen der Scheibe, musste je nach Zugverkehr ein- bis zweimal täglich von Hand mittels einer Kurbel aufgezogen werden. Dies war hauptsächlich die Arbeit des Streckenwärters, welcher sowieso mindestens einmal täglich am Signal vorbeilief. War ein zweiter Gang nötig, war dies die Aufgabe des Stationswärters. Auf den Hauptlinien war bei der Einfahrweiche ein Schienendurchbiegungskontakt, welcher automatisch die Wendescheiben zurückstellte. Am Stellkasten ertönte dann wieder eine Glocke und war ein Zeichen dafür, dass der Zug am Einfahren war.

Noch existierende Wendescheiben stehen heute in Wiesen, Landquart und im Bahnmuseum Albula. Zudem befindet sich ein Exemplar in den Händen des Club 1889 eines bei der SIGNUM AG vor der Signalbauhalle und eines bei der Schinznacher Baumschulbahn.

(Quelle: Rhätische Bahn, Info-Retica 1. Ausgabe 2011, www.bahnzauber-europa.at)