Hilfswagen

Bei Eisenbahn-Unfällen, bei denen die Beschädigung der Fahrzeuge oder deren Entgleisung die Wiederherstellung und Fahrbarmachung des Zuges innert kürzester Frist durch die im Gepäckwagen und auf der Lokomotive vorhandenen Werkzeuge ausschliesst, müssen das nötige Hilfspersonal und die weitern erforderlichen Werkzeuge herbeigeschafft werden. Zu diesem Zwecke besitzen alle grösseren Eisenbahnverwaltungen sogenannte Hilfswagen oder Werkzeugwagen, die auf grössern Verkehrsknotenpunkten, wo besonders eingeübtes Hilfspersonal zur Verfügung steht, in der Nähe der Betriebsgeleise jederzeit fahrbereit stehen. Die Rhätische Bahn besitzt seit dem Jahr 1906 ebenfalls einen solchen vierachsigen Hilfswagen, der in Landquart stationiert ist. (Schweizerische Bauzeitung Band 69/70 1917)

Solange das Netz nur die von Landquart ausgehenden Strecken nach Davos sowie nach Chur und Thusis umfasste, konnte eine Hilfsmannschaft im Ernstfall vom Betriebsmittelpunkt Landquart aus ausrücken. Die notwendigen Geräte und Materialien wurden in normalen Güterwagen zur Unfallstelle gebracht. Vor allem der Bau der Albulalinie führte zum Entscheid, einen speziellen Hilfswagen zu beschaffen, der ständig mit dem nötigen Gerät ausgerüstet und kurzfristig einsatzbereit war. Zusammen mit den ersten vierachsigen Personenwagen der RhB wurde daher 1906 – zwei Jahre nach der vollen Inbetriebnahme der Albulastrecke – ein vierachsiger Hilfswagen bei der Waggonfabrik Rastatt beschafft, der mit den gleichen Drehgestellen wie die Rastätter Personenwagen geliefert wurde. Er erhielt die Bezeichnung X4 3001, mit Einführung des neuen Nummernsystems 1911 wurde er zum X4 9001 und belegte damit erstmals einen Platz der 9000er Nummernserie. Er wurde der Betriebswerkstatt Samedan zugeteilt, deren Hilfswagen-Equipe für die Streckenabschnitte Tiefencastel – St.Moritz, Davos Platz – Filisur, Samedan – Pontresina und Bever – Scuol Tarasp verantwortlich ist. (Die Fahrzeuge der Rhätischen Bahn 1889 – 2000, Nr. 4 Dienstfahrzeuge Schweers + Wall)

Die Ausdehnung ihres Netzes erforderte aber die Beschaffung noch eines zweiten Hilfwagens für die Engadiner Linien. Dieser letztere wurde ohne Ausrüstung von der Schweiz. Wagonsfabrik Schlieren gebaut, von der Rhätischen Bahn selbst eingerichtet und ausgerüstet und im November 1916 dem Betrieb übergeben. Beim Bau und der Einrichtung dieses Wagens wurden die mit dem ersten Hülfswagen bei den bisherigen Unfällen gemachten Erfahrungen entsprechend verwertet, ebenso die bei andern Bahnen gemachten Erfahrungen, soweit sie auf die Verhältnisse der Rhätischen Bahn anwendbar waren. Der neue Wagen ist vierachsig, beide Drehgestelle besitzen doppelte Federung (Wiege) und Kugellager-Achsbüchsen, System Schmid-Roost, Oerlikon.

Das Gerippe des Wagenkastens besteht aus Eisen, die hölzernen Verschlagungsbretter der Wände haben 35 mm Stärke; der Kasten eignete sich daher vorzüglich zur Befestigung von Gestellen und zum Aufhängen von Gegenständen. Nur an dem einen Ende ist eine Plattform mit Handbremse und Eingangstüre angeordnet. Die andere Stirnwand ist mit einer Doppeltüre versehen, die nur von innen und bei Stillstand des Wagens geöffnet werden kann. Sie dient zum Aus- und Wiederreinbringen langer und schwerer Hilfsgeräte, deren Beförderung durch eine vor der Türe drehbar gelagerte, nur wenig über den Wagenboden ragende eiserne Walze erleichtert wird. Zum Aus- und Wiedereinladen der Hilfsgeräte durch die an den Längsseiten des Wagens vorhandenen Schiebetüröffnungen dient die an der linken Wand sichtbare breite, zum Einhängen eingerichtete Treppe, die nach Gebrauch im Innern des Wagens untergebracht wird. Die Anordnung der Ausrüstungsgegenstände, von denen im Folgenden der Kürze wegen nur die wichtigsten erwähnt sind, ist aus den Abbildungen ersichtlich.

In der Abbildung, die eine Ansicht in das Wageninnere von der Plattform aus darstellt, sind an der rechten Wand im Vordergrund die Signal- und Beleuchtungsmittel ersichtlich, umfassend u.a. zwei grosse, auch zur Zugdeckung verwendbare Zugschlusslaternen, Signalflaggen und Handlaternen. Weiter vorne, in einem in der Abbildung nicht sichtbaren Schrank, befindet sich das Feldtelefon; an der Decke hängen die zum Anschluss an die Bahn-Telephonleitung dienenden, zerlegbaren Kontaktstangen. Unter dem Gestell sind untergebracht: ein Ketten-Sicherheits-Flaschenzug von 4000 kg Tragkraft, eine lose Rolle mit Haken von ebenfalls 4000 kg Tragkraft zu den unterhalb des Fensters hängenden Drahtseilen von 10 t und 30 t Bruchfestigkeit, zwei Teleskopwinden von je 8 t Tragkraft und 55 cm Auszug für Druck und Zug. Vor dem Fenster sieht man zwei Acetylen-Sturmfackeln von je 1000 Kerzen und zwei kleinere, tragbare von je 300 Kerzen Lichtstärke, dahinter eine Feldschmiede, verschiedene Haken und in einem auch in nebenstehender Abbildung sichtbaren Gestell eichenes Unterlegeholz von verschiedenen Formen, Dicken und Längen. Unter diesem Gestell sind eine Anzahl Kannen und Büchsen mit den nötigen Brennstoffen und Schmiermitteln aufgestellt. An der gegenüberliegenden Wagenwand sieht man links, nach dem Kleiderschrank, u.a. eine Reihe von Fusswinden, insgesamt zwölf Stück, von 5000 bis 15 000 kg Tragkraft, vier hydraulische Winden von sehr geringer Bauhöhe und je 35 000 kg Tragkraft und eine Zahnstangen-Zugwinde von 5000 kg. Darüber liegen auf zwei Wandgestellen Kupplungsschläuche, Achskisten-Unterlagen, Schienenverbindungs- und Distanzenschrauben u.a.m. In der andern Wagenhälfte erkennt man am Boden liegend je zwei linke und rechte Aufgleisschuhe, Schienenstücke verschiedener Länge, zwei Verschiebewinden und links zwei mächtige Traversen von je 600 kg Gewicht und 30 t Tragfähigkeit zum Heben von Lokomotiven mit den rechts sichtbaren vier Mathiaswinden von je 15 t Tragkraft. Neben diesen Winden, mehr im Hintergrund, sind vier Schlittenwinden von je 20 t Tragkraft aufgestellt. An der Wand hängt das erforderliche Schlosser- und Schreinerwerkzeug und oberhalb des Schraubstocks ein Schlüsselbrett. Auf den Gestellen der gegenüberliegenden Wand sieht man die verschiedensten Ersatzstücke (Achsbüchsen, Puffer, Zugstangen usw.), vier starke Schraubenzwingen und, auf dem obersten Brett, hölzerne provisorische Achslager für verschiedene Schenkeldurchmesser. Vorne, nicht mehr sichtbar, befinden sich rechts ein Kochofen, links ein Küchenschrank. Zu Feuerlöschzwecken ist ein 20 m langer Schlauch zum Anschluss an den Speisekopf einer Dampflokomotive vorhanden. Das gesamte Inventar ist leicht übersichtlich angeordnet und alles derart beschriftet, dass jeder Gegenstand immer seinen bestimmten Platz hat und nur dort befestigt werden kann.

Aussen am Wagen sind noch zwei Unterleg-Geleise zum Eingleisen entgleister Lokomotiven aufgehängt. Zwischen den Drehgestellen ist am Untergestell ein verschliessbarer Kasten befestigt, der eine Menge weich- und harthölzerner Schwellen und Bretter zu Unterlagen enthält. Die Dampfheizung ist durch das Wageninnere geführt. Zur Beleuchtung sind Petrollampen vorhanden. Es ist davon abgesehen worden, im Wagen einen Aufenthaltsraum mit Sitzgelegenheiten für die Hülfsmannschaft einzurichten, da dem betreffenden Hülfszug jeweils ein heizbarer Personenwagen mitgegeben wird, der der Hülfsmannschaft auf der Fahrt zu und von der Unfallstelle, während den Ruhepausen und zur Einnahme der Mahlzeiten als Aufenthaltsraum dient. (Schweizerische Bauzeitung Band 69/70 1917)

Der neu aufgebaute Hilfswagen Xa 9002

Im Jahre 1916 wurde der vierachsige X 9002 von der Wagonsfabrik Schlieren als neuer „Hülfswagen“ gebaut und geliefert. Im Laufe der Jahre kam viel neues Ausrüstungsmaterial hinzu, sodass mit der Zeit nicht mehr die gewünschte geordnete Ablage der verschiedenen Geräte und Hilfsmittel möglich war. Da der fast 60-jährige Holzkasten auch ziemlich ausgedient hatte, erwies es sich als zweckmässig, diesen abzubrechen und mit neuer Einteilung aufzubauen. Wiederverwendung fanden das Untergestelll mit den Drehgestellen sowie das Dach und die Eckpfosten.

Während der alte Wagen nur einen Raum mit zwei grossen Schiebetoren in der Längsmitte aufwies, wurden im neuen Kasten drei Räume eingerichtet: An beiden Wagenenden je ein Werkzeug- und Geräteraum mit Stirntüre und je zwei Rolltoren (Platzersparnis!), und in der Mitte ein wohnlicher Aufenthaltsraum für die Mannschaft, der elektrisch oder mit Gas heizbar ist. Mit einem eingebauten zweiflammigen Gasrechaud können hier warme Getränke oder einfache Mahlzeiten zubereitet werden. In diesem Raum ist auch das notwendige Sanitätsmaterial untergebracht.

In den Werkzeug- und Geräteräumen ist in den verschiedensten Gestellen und Halterungen das umfangreiche Hilfsmaterial eingeordnet. Die saubere, zweckmässige und übersichtliche Platzierung aller Teile erfolgte aufgrund der langjährigen Erfahrung von Werkführer Rizzi, der als Obmann der Hilfswagenmannschaft Landquart während mehr als 25 Jahren viele Erkenntnisse und Routine gesammelt hat. Herr Rizzi hat denn auch die Einteilung des neuen Hilfswagens entworfen und in viel Kleinarbeit die gesamten Inneneinrichtungen detailliert skizziert, grösstenteils für die Fabrikation in seiner eigenen mech. Abteilung. (RhB-Nachrichten Nr. 2 Juli 1977)

Hilfswagen Xak-v 9101-9102

Die bisherigen Fahrzeuge (9001, 9002, 9005) welche zum Teil über 80 Jahre alt sind, mussten ersetzt werden. Die Hilfswagen Xak-v 9101 – 9102 entstanden in den Werkstätten der RhB in Landquart und Poschiavo und sind, aus den früher auf der Brüniglinie der SBB eingesetzten Postgüterwagen Z 061 & Z 062, umgebaut worden. Beide Wagen sind mit allen heute üblichen Ausrüstungen wie StN-ZSS 300V, LBT, Notrufsprechstellen, Druckluft- und Vakumleitungen ausgerüstet. Der Xak-v 9102 ist zusätzlich mit der BB-ZSS 1000 V ausgerüstet. Auf der Handbremsseite ist eine überdeckte Einstiegsplattform vorhanden. Im Wagen werden alle für den Einsatz notwendige Materialien mitgeführt. Für die Mannschaft und deren persönliche Ausrüstung sind separate, geheizte Räume vorhanden. Die grossen und schweren Ausrüstungsteile sind in 3 im Untergestell eingebauten Kästen untergebracht. Mit dem an einer Stirnseite montierten Schwenkkran kann über die abklappbare Plattform schweres Material ein- und ausgeladen werden.

Für den Einsatz der Hebegeräte ist auf den Fahrzeugen ein Hydraulikaggregat fest eingebaut und an den Stirnseiten sind entsprechende Anschlüsse vorhanden. Das Aggregat kann mit wenigen Handgriffen demontiert und an einen weiter entfernten Arbeitsort verschoben werden. Die Energieversorgung 230/400V 50 Hz erfolgt am Standort über eine externe
Einspeisung sowie unterwegs im Einsatz über eine Generatorgruppe. Die Wagen sind beidseits mit Frontfenstern und den signalmässig notwendigen
Beleuchtungen ausgerüstet. Diese werden über eine batteriegestütze 24 V DC Speisung betrieben. (RhB Betriebsvorschrift Hilfswagen vom 08.01.2013)

Werkfotos

Fahrzeugfotos

Typenskizzen, Zeichnungen, Schemata

(Quelle: Schweizerische Bauzeitung, Albert Guhl, Maschinenmeister der RhB, Landquart. (14. Juli 1917), Rhätische Bahn AG, Archiv SWS, Archiv RhB, Betriebsvorschrift Hilfswagen)