Der Stromabnehmer

Jedes elektrische Triebfahrzeug besitzt mindestens einen Stromabnehmer. Ein Stromabnehmer stellt die Verbindung zwischen Lokomotive und Fahrleitung her. Er nimmt also den Strom von der Fahrleitung ab und führt ihn in die Lokomotive ein. Als Gegenpol dient das Gleis. Es gibt verschiedene Typen von Stromabnehmern, die im Verlaufe der Jahre bei der RhB auch mehrmals ausgetauscht, ersetzt und erneuert wurden. Die drei Grundtypen von Stromabnehmer sind: Lyrabügel, Scherenstromabnehmer und Einholmstromabnehmer.

Lyrabügel:

Lyrabügel (auch „Teppichklopfer“ genannt) fanden vor allem bei Trambahnen Verwendung. Trotzdem gab es auch einige Fahrzeuge der Rhätischen Bahn bzw. Berninabahn und Bellinzona-Mesocco-Bahn die mit solchen Bügeln ausgestattet waren. Auf der Berninalinie wurde seit Betriebseröffnung mit Gleichstrom gefahren, was damals eine Neuheit war. Da die Berninalinie als Touristenbahn und nur für den Sommerverkehr ausgelegt wurde, war sie eine Überlandstrassenbahn. Das war auch der Grund, warum man sich bei den Triebwagen auf Lyrabügel entschied. Diese Bügel konnten nur im Stillstand an Bahnhöfen mit höher gelegten Fahrleitung von Hand mittels eines Seilzugsystemes auf- und abgelassen werden. In den Endstationen mussten jeweils die Bügel in die entsprechende Fahrrichtungsposition gebracht werden. Bei Rangierarbeiten konnte diese Prozedur ziemlich anstrengend werden. Ab ca. 1935 ersetzte die Berninabahn alle Lyrabügel durch neuere Modelle, die vom Modell her denjenigen der Trambahn in Zürich entsprachen. Nun konnten die Widerstände aufs Dach verlegt werden und der Lokführer konnte wählen ob er beide oder nur einen Bügel heben möchte. Das hing trotzdem noch von der gezogenen Last und den Kontaktverhältnissen ab.

Scherenstromabnehmer:

Scherenstromabnehmer sind bei der RhB seit 1913 in Gebrauch. Es handelt sich um eine wesentlich einfacher zu bedienende Stromabnehmer-Art. Die Fahrrichtung spielt nun keine Rolle mehr, der Lokführer musste nun an den Endbahnhöfen die Stromabnehmer nicht mehr umstellen. Anfangs besassen die Stromabnehmer nur eine Wippe, weshalb immer noch oft beide Stromabnehmer an der Fahrleitung angelegt waren. Nach Betriebsvorschrift, sollte heute aber hauptsächlich der hintere Stromabnehmer in Fahrtrichtung verwendet werden (sofern zwei Stück vorhanden sind). Bei dieser Art der Stromabnehmer gibt es noch kleinere Unterschiede zwischen einzelnen Modellen und Herstellern. Auf diese möchten wir jedoch nicht weiter eingehen. Der Nachfolger des Scherenstromabnehmers ist der Einholmstromabnehmer.

Einholmstromabnehmer:

Um Gewicht zu sparen, reduzierte man die verwendeten Bauteile des Scherenstromabnehmers. Somit entfiel die sogenannte „Schere“. Der neue Stromabnehmer-Typ sollte aber auch im Fahrtwind bessere Eigenschaften verfügen. Daher konstruierte man eine überarbeitete Version des Scherenstromabnehmers. Das tragende Element dieses Stromabnehmers sollte der einzelne Holm sein. Diese Neukonstruktion nannte man dann Einholmstromabnehmer.

Allgemeines zu Stromabnehmern:

Alle 1’B1‘- und 1’D1‘-Loks der Baureihe 201 – 207 und 300, ob mit elektrischen Bauteilen von BBC oder MFO gebaut, trugen Scherenstromabnehmer der Firma BBC. Ausnahme von dieser Regel war lediglich die AEG-Lok 391, sie trug bis zum Unfall von 1937 zwei AEG-Scherenstromabnehmer, die beim Unfall mit Überschlagen und Sturz in den Fluss Inn gänzlich zerstört wurden. Diese Lok wurde durch die SLM neu aufgebaut. Nicht so die AEG-Stromabnehmer, denn sie waren nicht reparierbar. Durch die HW Landquart wurden 1938, nach der Instandsetzung, zwei neue BBC-Stromabnehmer anstelle derjenigen von AEG aufgesetzt. 1964 erhielt die AEG-Lok 391 einen neuen Stromabnehmer mit Doppelwippe vom Typ MFO W93 aufgebaut, ,ein Jahr später, 1965, wurde auch der zweite BBC-Pantographen-Stromabnehmer, wie er auch genannt wurde, durch einen solchen der MFO (mit Doppelwippe) ausgewechselt. Fünf 1’B1‘-Lokomotiven benutzten von 1912 bis zu den Umbauten 1943 – 1945 je zwei BBC-Scherenstromabnehmer mit je einem einfachen Aluminiumschleifstück, im Betrieb wurden darum beide Stromabnehmer an den Fahrdraht angelegt. Die umgebauten Rangierloks 211 – 2113 erhielten 1944/45 nur noch einen Scherenstromabnehmer W93 (mit Doppelschleifstück); beim Umbau 1967 erhielt Lok 211 einen neuen einholmigen Stromabnehmer. Die 221 und 222 hatten nur noch Raum für einen BBC-Scherenstromabnehmer W93 auf dem Dach. Durch Funken am Fahrdraht war der aufkommende Radioempfang beidseitig der Geleise gestört, die bisherigen Stromabnehmer mussten saniert werden: Besonders im Winter, mit Schnee und Eis am Fahrdraht, gab es Rundfunkstörungen.

1952 wurden alle Stromabnehmer der Lokomotiven und Triebwagen zuerst an einem Stromabnehmer mit einem Doppelschleifstück versehen, dessen Gleitflächen aus einer Aluminiumlegierung gefertigt waren. Nach Abschluss dieser Umbauaktion wurden dann auch die einfachen alten Aluwippen am zweiten Stromabnehmer in gleicher Weise ausgewechselt. Seither gilt der 2.Stromabnehmer als Reserve bei Beschädigung. Normalerweise wird bei Lokomotiven und Triebwagen der in Fahrtrichtung hintere Stromabnehmer an den Fahrdraht angelegt.

1967 anlässlich des Umbaues (Modernisierung) der Zweikraft-Rangierlok Gem 2/4 Nr. 211, wurde diese als erste Umbaulok der RhB mit einem neuen Siemens-Halbscherenstromabnehmer versehen. Auf der Bernina-Bahn werden 1968 Lyrabügel nur noch auf Fahrzeugen für den Rangierdienst zugelassen. Die umgebauten BB-Triebwagen erhalten seitdem nur noch einholmige Stromabnehmer. In den 60er-Jahren testete die RhB auf der Berninalinie zwei Modelle von leichteren Einholmstromabnehmern. Es handelte sich um Typen „Fayveley“ aus Frankreich. Das erste dieser Testmodelle befand sich ab 1961 auf Triebwagen 30. Man sagt, dass es das erste Fahrzeug in der Schweiz mit Halbscherenstromabnehmer gewesen sei. 1963 wechselte man auf Triebwagen 38 und 1966 auf das Bernina-Krokodil. Das zweite Testmodell befand sich zwischen 1962 und 1964 auf dem Triebwagen 37, wurde aber 1966 ebenfalls auf das BB-Krokodil versetzt. Nach ersten Versuchen der Brig-Visp-Zermatt-Bahn erprobte auch die RhB auf ihren Triebwagen 30 und 31 ab 1963 Siemens-Stromabnehmer. Als letztes Fahrzeug erhielt der TW 9215 einen Einholmstromabnehmer-Ersatz für den vorherigen Lyrabügel.

Als weitere Fahrzeuge erhielten 1969 die Te 2/2 Nr. 74 und 75 einholmige Stromabnehmer. Mit der Inbetriebnahme der Triebwagen Be 4/4 Nr. 511 – 514 im Mai 1971 und Loks Ge 4/4 II Nr. 611 – 620 ab 1973 waren die neuen Triebfahrzeugserien seit deren Ablieferung mit einholmigen Stromabnehmern vom Typ Siemens ausgerüstet. Die Lokomotiven Ge 4/4 III wurden 1994 nur noch mit BBC-Einholmstromabnehmern ausgerüstet.

Links und rechts der Wippe sind Kunststoffverkleidungen am Lokdach angebracht, welche bei gesenktem Stromabnehmer für die nötige Spannungsfestigkeit sorgen. Die elektrische Verbindung zum Stromabnehmer ist zum Schutz der Dachleitung beim Einfädeln und herunter reissen des Stromabnehmers bei einer Fahrleitungsstörung nur gesteckt und nicht verschraubt.

Der Stromabnehmer muss gesenkt werden bei Unterbrechung des Stromkreises von über den Stromabnehmer oder die Zugsammelschiene gespeisten Fahrzeugen, insbesondere wenn diese auf einer isolierenden Schicht von Sand, Rost, Abfällen, Eis, Schnee usw. stehen und Kontakt zur Fahrleitung haben. Bei Entgleisungen muss der Stromabnehmer sofort gesenkt und die Zugsammelschiene ausgeschaltet werden. Bei Anhängelasten von über 50 Tonnen müssen alle ABe 4/4 III in Einfachtraktion auf 70 Promille Steigung aus Rücksicht auf die hohen Übertragungsströme beide Stromabnehmer am Fahrdraht anlegen. Ausgenommen sind Stromabnehmer die bereits drei Schleifstücke besitzen.

 

Verwendung der Stromabnehmer bei Triebfahrzeugen in Einzeltraktion:

  • verkehren grundsätzlich mit dem in Fahrtrichtung hinteren Stromabnehmer
  • über kürzere Distanzen (bis 10 km) darf der vordere Stromabnehmer verwendet werden
  • bei einer Störung oder Vereisung, den intakten Stromabnehmer
  • RhB-StN: ABe 8/12 3501-3515 der Wechselstrom-Stromabnehmer
  • RhB-BB: ABe 8/12 3501-3515 ohne Anhängelast und bei der Talfahrt, der hintere Gleichstrom-Stromabnehmer
  • bei der Bergfahrt mit Anhängelast, beide Gleichstrom-Stromabnehmer
  • für Rangierbewegungen im Bahnhof darf nur 1 Stromabnehmer angehoben werden

Bei Triebfahrzeugen in Mehrfachtraktion gilt:

  • beim in Fahrtrichtung vordersten Triebfahrzeug ist der vordere Stromabnehmer, bei den nachfolgenden der hintere Stromabnehmer zu verwenden
  • es ist verboten benachbarte Stromabnehmer zweier Triebfahrzeuge anzuheben
  • RhB-BB:
  • bei jedem Triebfahrzeug der hintere

bei Raureif wird dazu der vordere Stromabnehmer des ersten Triebfahrzeugs gehoben

(Quelle: Rhätische Bahn, Claude Jeanmaire Stammnetz Triebfahrzeuge, Abenteuer Berninabahn)